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Es scheint so, als wollten wir betrogen werden

von Wolfgang Hock 2013

Die Entwicklung des Linsenbildes - die Fotografie - geht neue Wege.

So sah es noch um das Jahr 2000 aus, als es noch eine lebhafte Diskussion um analog und digital gab. Es wurde eine Debatte geführt, wie weit die Fotografie gehen darf oder wie weit sie überhaupt noch als Fotografie bezeichnet werden kann: Sind die digitalen oder generierten Bilder noch Fotografien und dürfen sie noch so heißen?

Hat das Medium Fotografie durch Manipulationen, die in der digitalen Bearbeitung nicht mehr zu erkennen sind bzw. bewusst eingesetzt werden, seinen Ruf als authentisches Bildmittel verloren?

Die Entwicklung forderte dazu heraus, diese Dinge neu zu diskutieren.

Die Fotografie war spätestens in dieser Zeit in ein Stadium eingetreten, wo sie sich mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen musste, um ihr Selbstverständnis zu definieren. Man konnte sich den Entwicklungen nicht verweigern.

Die Bereitschaft dazu war bei uns allerdings nie sehr ausgeprägt.

Die meisten taten die digitalen Bilder von vornherein ab und glaubten nicht an ihre Bedeutung für die Zukunft. Die mangelnde Qualität und geringe Auflösung gab ihnen dabei scheinbar recht. Digital war etwas für naive Knipser, analog bleibt für die Profis (Hasselblad 500C im 6 x 6 Format). Daran würde sich so schnell nichts ändern, so meinte man.

Dunkelkammer oder Computer: Genau an der Schnittstelle der Übertragung in die Computer schieden sich die Geister.

Der Computer bot die Möglichkeit der Manipulation, d.h. der Veränderung des Bildes, die man nicht mehr bemerken konnte. Entsprechende Programme konnten nun mehr als nur retuschieren, wir kennen die Diskussion um die „Verfälschung“ der Bilder. Aber diese Diskussion konnte nur entstehen, weil die Authentizität, also die Glaubwürdigkeit der Photographie immer noch an oberster Stelle stand.

So tauchten Probleme auf, die teilweise so neu nicht waren, aber wir meinten jetzt doch Stellung beziehen zu müssen.

Mit der elektronischen Bearbeitung von Bildern war ein neues Zeitalter angebrochen. Die Täuschungsmanöver waren immer schwerer durchschaubar, weil sie perfekt manipuliert werden konnten. Der Wahrheitsanspruch der Dokumentation wurde dadurch zur Legende und spätestens an dieser Stelle wollte man sich um den Bildcharakter der Fotografie Gedanken machen, so sah es aus.

Aber Legenden halten sich und die Industrie lebt von den Amateuren, die ihre Erinnerungen bildlich nach Hause tragen wollen. Warum sollen sie sich nicht alle der Täuschung hingeben, mit dem Bild ein Stück Leben eingefangen zu haben ?Verursacht das einen Schaden und was wäre das Leben ohne Illusionen ?

Vielleicht ist aber der Schaden größer als wir wahrhaben wollen.

Wir haben nicht gelernt, zwischen Bild und Wirklichkeit, zwischen Simulation und Realität zu unterscheiden, das ist unser Problem.

Lesen, Schreiben und Rechnen standen auf unserem Schulprogramm, das Sehen haben wir nicht gelernt, überlassen es den automatischen unbewussten Reflexen.

Unsere Gewohnheit, mit Bildern umzugehen, beschränkt sich in der Regel auf Identifikation von außerbildlichen Gegebenheiten der Realität. Wir projizieren unsere Wahrnehmungsstrategie aus der Realität auch auf die Bilder und halten sie deshalb für Abbilder.

Die spezifischen Eigenschaften der Bildlichkeit werden dabei kaum berücksichtigt. Gerade in der Fotografie und speziell im Bildjournalismus glauben wir an die Dokumentation. Das betrifft die „Stillen Bilder“ und noch mehr die bewegten Fernsehbilder.

Es hat zwar schon immer Manipulationen der Bilder gegeben, aber wir hatten uns daran gewöhnt, wir wollten sie nicht sehen. 

Diese Sicherheit in Bezug auf die authentische Abbildung war eigentlich immer in Frage gestellt. Auch die Manipulation gab es schon seit der Erfindung der Fotografie.

Aber seit ca. 2010 kommt noch etwas anderes hinzu:

Durch die rasante technische Entwicklung haben die digitalen Linsenbilder in ihrer hohen Auflösung mit größtem Detailreichtum und feinster Farbabstufung, perfekt gestochen scharfen Bildern, auf denen selbst kleinste Details dreidimensional und plastisch wirken (18 – 24 Megapixel als Standard, 70 bis zu 200 Megapixel bei Multishot-Bildern sind möglich, Vollformat-Sensoren in der Größe von früheren Negativ-Filmen usw.) und neuen Präsentationsformen auf LED-Bildschirmen im Riesenformat einen Illusionscharakter erreicht, der uns noch mehr als je zuvor vergessen lässt, dass es sich hierbei um Bilder handelt und nicht um Realität.

Die anfänglichen Diskussionen um die qualitativ schlechten digitalen Bilder sind verstummt, weil der analoge Qualitätsstandard erreicht, ja sogar überholt wurde. Die großen Ansprüche wurden auf die neuen Medien übertragen und die alten Maßstäbe übertroffen.

Die Folge ist, dass jetzt auch die letzten Fanatiker der analogen Fotografie nach und nach zähneknirschend und fast heimlich dazu übergehen, sich einen Computer anzuschaffen und sich mit digitalen Kameras auseinandersetzen, um nicht völlig am „Mainstream“ – wie man heute sagt -  vorbeizugehen.

Wer hätte das um das Jahr 2000 für möglich gehalten ?

Aber dabei wird wieder einmal verdrängt, dass das Linsenbild nie authentisch war, nur dass jetzt mit diesem Illusionscharakter der neuen digitalen Technik die Dinge noch weiter auseinander gehen als jemals zuvor:

Die vielen Millionen Pixel mit ihrer hohen Auflösung und Präsentation auf Riesenformaten lassen uns noch mehr an die Wahrheit dieser Bilder glauben, obwohl sie durch die Bildbearbeitungsprogramme bestens aufbereitet und verändert werden können.

Eigentlich widerspricht sich das, denn das eine stellt das andere in Frage, aber wir beharren auf unserer konventionellen Sichtweise.

Wir wollen unsere alte technikgläubige Welt bewahren: Die Kamera garantiert die objektive Darstellung.

Dadurch hat sich aber die Möglichkeit der Manipulation der Massen in unserer Zeit weiter enorm verstärkt, weil wir wieder nicht bereit sind, über das komplexe Sehen, unsere Wahrnehmung und das Übertragen in zweidimensionale Medien nachzudenken.

Es scheint so, als wollten wir betrogen werden, weil wir alles tun, um daran festzuhalten, wie es vorher auch war, anstatt sich der Herausforderung zu stellen, die uns die neuen Techniken bieten.

Stattdessen versucht man die eigene Verantwortung abzugeben wieder an andere Techniken, z.B. an Software, die manipulierte Bilder oder manipulierte Stellen im Bild angeblich erkennen kann, oder man ruft nach dem Staat (!), der durch Verbote und Gesetze die Veröffentlichung von z.B. zu sehr aufpolierten – sprich manipulierten - Bildern verbieten soll.

Was für Irrwege !

Überall in unserem täglichen Leben können wir Präsentationen von digitalen Bildern sehen: Auf öffentlichen Bussen wird riesige Werbung angebracht mit digitalen Fotografien, auf denen 'die Wahrheit' durch Detailhaftigkeit suggeriert wird, auf den Verpackungen von Lebensmitteln werden leuchtende Bilder von saftigen grünen Wiesen angebracht, um die Liebe zum Ländlichen vorzugaukeln, in populärwissen-schaftlichen Zeitschriften werden fantastische Bilder von Dinosauriern in allen Einzelheiten gezeigt, die scheinbar keinen Zweifel bei uns lassen, als wären sie wirklich so gewesen, in Tageszeitungen werden zu bestimmten Themen entsprechende Politiker mit bestimmter Mimik und in Situationen gezeigt, als ob sie tatsächlich so ausgesehen hätten und dort gewesen wären, als sie sich zu diesen Themen geäußert haben.

Man könnte diese Beispiele unendlich fortsetzen. Im Fernsehen kann man dann dies alles in Form von bewegten Bildern sehen.

An den Schulen werden diese Dinge zu oberflächlich behandelt:

Entweder gar nicht, weil man sie für unwichtig oder wirtschaftlich nicht relevant hält - der "Pragmatismus des Nützlichen" dominiert auch im Kunstunterricht immer mehr - , oder alles Digitale wird pauschal verteufelt, weil man meint, es sei zu wenig akademisch (keine 'Hochkultur') und sollte von den Kindern am besten ferngehalten werden.

Insbesondere im deutschsprachigen Raum wird Kunst und Kultur bis heute einseitig in einer geistes-geschichtlichen Tradition verstanden (klassische Musik, klassische Literatur, Land der Dichter und Denker usw.), die dem bildungsbürgerlichen Ideal vom kultivierten Menschen verhaftet ist.

Hochkultur wird als Bildungsschatz betrachtet und Alltagskultur wird immer noch in einem erschreckenden Gegensatz dazu gesehen. Hinzu kommt noch eine deutliche Hierarchisierung der Unterrichtsfächer, verschärft durch das OECD-Instrument des PISA-Vergleichs, was den Kunstunterricht noch weiter ausgrenzt und lediglich zu einem Luxusangebot macht, das hinzu kommen kann, wenn alle anderen Bildungsziele erreicht sind.

Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass dem Kunstunterricht hier ganz zentrale Aufgaben zustehen, eben nicht nur kunsthandwerkliches Beschäftigen oder literarisches Verarbeiten von Bildern in Form von Aufsätzen.

Wenn man Kunst ernst nimmt, dann hat sie etwas mit Erkenntnis zu tun.

Diese Erkenntnis ist nicht auf begrifflich-kognitivem Wege einzulösen, was nicht heißt, dass sie nichts mit Denken zu tun hat.

Wer das heute sagt, scheint nur Sand ins Getriebe der allgemeinen Routine des geschäftigen Lebens zu streuen.

Kunst ist für die meisten etwas, womit einige Außerwählte sehr viel Geld verdienen, dann hat sie auch ihre Berechtigung, ansonsten hat sie aber für den Normalmenschen keine Bedeutung und ist deshalb nicht wichtig.

Was bleibt, ist immer nur die naive Bewunderung kunsthandwerklicher Technik: „Der kann malen!“ oder „das macht viel Arbeit.“

Welch ein fataler Irrtum in unserem 21. Jahrhundert !

Wir stehen wieder da, wo wir am Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal gestanden haben, als rein positivistisches Denken dominant geworden war:
Die Dinge so wiedergeben, wie sie sind, oder besser, wie sie wären ohne den Menschen.

Man konstruierte eine ANALOGIE zwischen Realität und Bild, eine falsche Analogie zwischen Fotografie und der menschlichen visuellen Wahrnehmung, die jedermann für gegeben hielt.

Diese Analogie gilt es zu hinterfragen, um der Verführung zu widerstehen, die Bilder für Realität zu halten.

Der Mensch konstruiert in seinem Gehirn eine kognitive Welt, der er Bedeutung zuweist.

Hier wird deutlich, dass es nicht ganz einfach ist, „die Realität“ zu definieren.

Ist die Realität die Objektwelt der Dinge, die außerhalb von uns existiert –die Seinsweise der Dinge (Realität = die Wirklichkeit der Gegenstände außerhalb unseres Bewusstseins = „objektive Realität“), oder ist Realität die von uns wahrgenommene Welt und somit die Erscheinungsweise der Dinge (Wirklichkeit = Erscheinung der Dinge, die wir wahrnehmen durch unsere menschlichen Sinne) ?

Wenn ich annehme, dass die Wirklichkeit ein Konstrukt des Gehirns ist, so bin ich gezwungen, eine Welt anzunehmen, in der dieses Gehirn als Konstrukteur dieser Wirklichkeit existiert.

Das hat weitreichende Bedeutung für unsere Selbsteinschätzung in unserem gesamten Dasein und ist hoch politisch, hat also zunächst nichts mit Schönheit und Kunst(-handwerk) zu tun, so wie wir es meist nur sehen wollen.

Die Diskussion um Fotografie, Realität und Wirklichkeit stützt sich auf immer wiederkehrende Argumente.

Was vor der Kamera existiert hat, wird hinter dem Objektiv aufgezeichnet. Der mechanische Apparat verbürgt die Garantie für die Objektivität und Dokumentation. Fotografie ist Kopie und Abdruck. Oder ?

Oder: Fotografie als Bildmedium

Hier wird die Fotografie von der Hand und dem Konzept des Fotografen bestimmt, der sich den Apparat und den gesamten Herstellungsprozess des Bildes gefügig macht. Die Mittel des Apparats und des Prozesses sind variierbar. In diesem Fall beschäftigt sich die Fotografie mit der Wirklichkeit des Bildes und der Unterschied zur visuellen Wahrnehmung fließt in diesen Prozess ein.

Wenn diese Fragen nicht geklärt werden, wird man immer aneinander vorbeireden und über die Fotografie nur ganz allgemeine Aussagen machen.

Es ist viel Verwirrung entstanden, weil man sich nicht bemüht hat, die Prämissen zu benennen.

Sein und Erscheinung, das war und ist die Frage, damals wie heute.

Auge versus Kameraaufzeichnung:

So sehr sich auch ein Fotograf bemüht, er wird Gesehenes nicht authentisch im Bild festhalten können, weil er an die Kamerabedingungen gebunden ist und allenfalls ein Bild mit den partiell verzerrenden Eigenschaften des Mediums herstellen kann.

Die beiden Bildmedien Malerei und Fotografie sind näher zusammen gerückt. Beide stehen unter der Prophezeiung, an ihr Ende gekommen zu sein. Die Malerei ist an diese Behauptung gewöhnt und beweist schon seit über einem Jahrhundert, dass ihre Phantasie dadurch eher aktiviert worden ist.

Die Fotografie ist erst seit ein paar Jahrzehnten von dieser Vorhersage betroffen.

Dies klingt leichter und selbstverständlicher als es ist, weil die Rezeption eines Bildmediums an Konventionen gebunden ist, die man ungern in Frage stellt.

Die menschliche Wahrnehmung ist nicht per se flexibel. Der Automatismus, der bei vielen Aktionen und Prozessen abläuft, ist nicht zu unterschätzen. Diese eingefahrenen Wege hindern uns oft, neue Angebote wahrzunehmen oder gar zu akzeptieren.

Wir sind visuelle Analphabeten.

Die Mechanismen und Strategien unserer Wahrnehmungsprozesse können uns bis zur optischen Täuschung verführen.

Wir fallen auf mediale Angebote herein, halten sie für „wahr“ und durchschauen die gängigen Bildstrategien nicht.

Mit dem Wissen um unsere Wahrnehmung könnten wir das mediale Angebot kritischer beurteilen und vordergründigen Verführungsmethoden widerstehen.

Wir können diese automatischen Prozesse analysieren und Bildpotenziale entdecken, die uns eine visuelle Erkenntnis vermitteln.

Der Weg von der Ästhetik zum Bild kann ein Abenteuer werden, das eingefahrene Gewohnheiten in Frage stellt. Am Ende können wir uns und unsere Umwelt und vor allem die Bilder besser verstehen.

Das Linsenbild der Fotografie ist ein Bildmedium und nicht nur ein Abbildungsmechanismus.

Die Frage ist, ob wir das begreifen und die Herausforderung annehmen wollen oder ob wir wieder ohne Widerstand unseren Gewohnheiten nachgeben und uns der bequemen Konformität hingeben wollen und anderen das Gebiet überlassen, die uns dann einfacher manipulieren können.

Klagen über mangelnde Demokratie und Mitbestimmung, neuerlicher Elitebildung und Zweiteilung der Gesellschaft möchte ich dann aber nicht hören, denn genau das ist eine Konsequenz daraus.

von Wolfgang Hock

Bibliographie

 

 
 
 
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